Veränderung und Ambiguität: Wie wir widersprüchliche Gefühle erleben

Beruflich begleite ich oft, wenn auch indirekt, Abschiede und Neuanfänge. Sie werden selten direkt benannt; meist spricht man vom oft vagen Begriff «Change». Dabei nutzen wir häufig die sogenannte «Change-Kurve», die auf dem Trauerprozess von Elisabeth Kübler-Ross basiert. Sie macht Veränderungen sichtbar und manchmal sogar spürbar, auch wenn ich ihre Anwendung im Change-Kontext etwas kritisch sehe. 

Jede Veränderung bedeutet Abschiednehmen und gleichzeitig einen Neubeginn.

Da ich im Spitalumfeld arbeite, sind die Menschen, mit denen ich zu tun habe, selbst Begleiter:innen von Schicksalen, von Abschieden, Abschiedsprozessen und auch von Neubeginnen. Wenn ich durch die Flure des Spitals gehe, sind da Menschen, die an der Schwelle des Lebens arbeiten, und solche, die an dieser Schwelle stehen – zwischen Loslassen vom bisherigen Leben oder vielleicht vom Leben überhaupt.* Vielleicht ist es «nur» das Loslassen einer Krankheit, vielleicht das Akzeptieren einer Diagnose und der Beginn eines Abschiedsprozesses vom Bisherigen. Die Menschen, die im Spital arbeiten (zum Beispiel in der Pflege) sind dabei einerseits Begleiter:innen dieser Prozesse von Abschied und Neubeginn, und gleichzeitig selbst von Veränderungsprozessen betroffen (vielleicht auch im privaten Umfeld).

Als Mensch war und bin ich auch immer wieder (und häufig) von beruflichen und privaten Veränderungen betroffen (vielleicht auch, weil ich sie manchmal forciere). Ich würde mich daher sogar als jemanden mit viel «Change»-Erfahrung bezeichnen. Wobei es dabei um Veränderungen geht, die in die Richtung von Metamorphose gehen (nichts ist mehr wie vorher), um kleine Anpassungen oder um (grosse) Abschiede. Ich kenne (mutige) Neuanfänge und Iterationen (um überhaupt zu entdecken, was losgelassen werden will oder soll), den bewussten Weg in Neuanfänge oder das zufällige Stolpern in das Neue. Was mir bei all den persönlichen und äusseren Prozessen auffällt, ist der schwierige Bezug zu Veränderungen. Ich weiss, unser Gehirn (und eigentlich das gesamte Nervensystem) möchte Stabilität, Sicherheit, Wiederholung. Das scheint sicher und ist energiesparend. Nicht nur das, auch wir haben (so scheint es mir) nur einen sehr eingeschränkten Bezug zur Vergänglichkeit. Ich denke da an den Tod, der wohl etwas vom Natürlichsten ist und der kaum noch Platz in unserem Alltag hat. Es gibt aber auch kleine persönliche Tode, etwas, das in uns «stirbt», Dinge, die wir betrauern sollten oder müssten. Dafür lassen wir uns (so meine Vermutung) kaum Raum. Uns selbst nicht und auch gegenseitig nicht.

Auf der anderen Seite scheint mir, dass «man» nur die richtigen Emotionen und Gedanken in schwierigen Situationen, bei Abschiedsprozessen oder Neubeginnen haben dürfe. Krankheit oder eine Diagnose sollte daher zu einem Zusammenbruch, zu Trauer, Wut … führen. Genauso bei einer Trennung oder wenn man etwas Wichtiges verliert. Neubeginne sollten von Freude, Lust und Energie begleitet sein.

«Je mehr ich einfach gewillt bin, inmitten dieser ganzen Komplexität des Lebens ich selbst zu sein, und je mehr ich gewillt bin, die Realitäten in mir selbst und im anderen zu verstehen und zu akzeptieren, desto mehr Veränderung scheint in Gang zu kommen.» 

Rogers Carl (1973), S. 37

Dabei kann und darf immer beides gleichzeitig da sein. Trauer und Lust auf Neubeginn, Schwere und Leichtigkeit, Wut und Entspannung. Die schwierigen und schönen Gefühle (braucht es diese Bewertung überhaupt?) können und dürfen gleichzeitig da sein, sie dürfen sich abwechseln. Diese Gleichzeitigkeit und dieses nicht eindeutige nennt man Ambiguität, also eine Mehr- oder Doppeldeutigkeit. Damit wir das, was wir da erleben, auch akzeptieren oder aushalten können, damit wir dem mit Offenheit begegnen können, hilft es eine Ambiguitätstoleranz zu entwickeln. Wie? Das muss wohl jede und jeder selbst herausfinden. 

Der Duden beschreibt Ambiguitätstoleranz wie folgt:
Fähigkeit einer Person, mehrdeutige bzw. widersprüchliche Sachverhalte, ungewisse, unsichere Situationen u. Ä. zu akzeptieren, zu ertragen (und nicht als bedrohlich zu empfinden)

Wenn wir die Gleichzeitigkeit unserer Gefühle anerkennen, also Trauer und Erleichterung oder Unsicherheit und Zuversicht, entsteht Raum, Veränderungen bewusst zu erleben. Veränderungen bleiben herausfordernd, weil sie selten eindeutig sind. Abschied und Neubeginn gehören zusammen, und oft tauchen dabei widersprüchliche Emotionen auf. Diese gleichzeitig auszuhalten, anzuerkennen und zu akzeptieren, ist genau das, was Ambiguitätstoleranz bedeutet. Es geht nicht darum, die «richtigen» Gefühle zu haben, sondern den eigenen Erfahrungen Raum zu geben und sie zuzulassen, ohne sie zu bewerten oder zu verdrängen. So können wir Veränderung nicht nur überstehen, sondern aktiv erleben und daraus lernen.


*Hinweis: Natürlich ist im Spitalalltag nicht alles dramatisch und nicht jede Veränderung ist gross oder einschneidend (wobei es auch da um eine individuelle Bewertung geht). Es gibt viele Zwischenschritte, kleine und grössere Veränderungen, die vielleicht nur einen kleinen Einfluss auf das Leben haben.

📚Passende Bücher

📕Alles, was dazwischenliegt,Von der Kunst, innere Widersprüche und Mehrdeutigkeit auszuhalten, Nesibe Kahraman

📘Das unglaubliche Leben des Wallace Price, T. J. Klune

📕Der Buchladen am Ende der Welt, Eine wahre Geschichte über ein abenteuerliches Leben und die Liebe zum Lesen, Ruth Shaw

📘Das Buch der Trauer, Wege aus Schmerz und Verlust, Jorge Bucay

📕5 Dinge, die sterbende am meisten bereuen, Einsichten, die Ihr Leben verändern werden, Bronnie Ware

📘Der Clown in uns, Humor und die Kraft des Lachens, David Gilmore

📕Die Mitternachtsbibliothek, Matt Haig

🎧Passende Podcastfolgen

Telefonseelsorge, ein Gespräch mit Gabriela, 24 Stunden Podcast

Ambiguitätstoleranz - oder über die Kunst des Aushaltens, Beziehungskosmos


Titelbild: Samuel Jerónimo auf Unsplash