Tools vs. Haltung

Meine Schwierigkeiten mit Tools

Mit manchen Dingen habe ich so meine Probleme. So zum Beispiel mit «Ver-Tool-isierung» von Dingen oder Themen, die eigentlich (zumindest nach meiner Überzeugung) nur als Haltung wirklich wirken. Natürlich braucht es hier noch feine Differenzierungen und man kann nicht immer sagen, wie viel Haltung hinter etwas steckt. Es geht nicht zwingend darum, dass Methoden und Tools falsch oder nicht hilfreich wären. Vielmehr sind die Wirkungen für mich unterschiedlich, je nach dem, ob jemand mit innerer Haltung oder lediglich mit Methoden und Tools arbeitet. Ich spreche hier vor allem von Personen wie Therapeut:innen, Coaches, Lehrer:innen, Trainer:innen, es lässt sich aber genau so gut auf Führungskräfte etc. übertragen.

Muss man das trennen

Haltungen, Methoden und Tools zu trennen, funktioniert nicht immer und ich finde auch nicht, dass man diese trennen muss. Aber! Aus meiner Erfahrung und Überzeugung wird zu wenig an der inneren Haltung der «helfenden» Person gearbeitet. Oft wird m. E. zu viel Energie und Fokus auf Tools/Methoden verwendet.

Eines tut weh und das andere gibt Expert:innen-Status

In diesem Blog ist es definitiv kein Geheimnis mehr, dass ich in meiner Kindheit/Jugend einige Stunden bei Expert:innen verbracht habe, die mich «heilen» oder mir «helfen» sollten und wollten. Auch wenn ich das natürlich nie bewusst gemacht habe, konnte ich vieles beobachten, fühlen und daraus Schlüsse ziehen. Was ich damals nur irgendwie fühlen konnte, kann ich heute mit Theorie und fachlicher Erfahrung untermalen. Schauen wir uns nun einmal die Haltung an. Haltung könnte man vielleicht als inneren Ruf oder innere Melodie beschreiben. Wie sehe ich die Menschen, die Welt und was ist mir wichtig. Methoden/Tools sind Werkzeuge und Vorgehensweisen, sie sind mechanisch und wenig natürlich und stören die Begegnung zwischen Menschen eher. Wenn man sich mit der eigenen Haltung auseinandersetzt, diese als Basis für seine Arbeit mit Menschen nutzt, dann scheint mir das immer wieder schmerzhaft zu sein. Es braucht Justierungen und echte Selbstreflexion. Es braucht aber auch Abgrenzung, Selbstakzeptanz und Selbstfürsorge. Tools sind nicht lebendig, man kann sich hinter ihnen verstecken, sich schützen und sich damit schmücken. Tools und Methoden kann man oft aufzeichnen oder aufstellen. Sie sind klar sichtbar. So tut Haltung also auch weh (weil ich Dinge hinterfrage, mich mit mir auseinandersetzt etc.) und Tools vermitteln nach aussen Expert:innen-Status.

Meine ganz persönlichen Erfahrungen

Um das Ganze zu verdeutlichen, muss ich wohl hier noch einmal ein Beispiel meiner ganz persönlichen Erfahrung teilen. Die ganzen Jahre rund um Lehrpersonen, die mich be- und vor allem verurteilten, analysierten etc. und mir doch nur helfen und mich weiterbringen wollten, all die Therapeut:innen, Berater:innen, die mir helfen wollten, in die Muster zu passen, sie alle haben mir nie geholfen. Nie haben sie mir WIRKLICH zugehört. Als Kind (so vermute ich) fühlt man so etwas noch viel intensiver. Aber sie alle arbeiteten doch in Berufen, in denen Empathie wichtig ist? Rogers kannte man schon, sie hatten studiert (also das Wissen müsste vorhanden gewesen sein), sie hatten Erfahrungen und warum half trotzdem nichts? Die Antwort liegt in der Begegnung mit einer Expertin, die ich nie treffen wollte. Ich hatte sie alle satt, diese Helfer:innen. Obwohl alles irgendwie gleich war, war eines offensichtlich anders. Was ich heute in Worte fasse, war damals nichts anderes als das tiefe Gefühl verstanden zu werden. Ja, es war echte Empathie, es war echte Akzeptanz und es war kongruent. Nicht sofort, aber von da an begann sich mein Leben zu ändern.

Haltung ist entscheidend nicht Worte

«In meinen ersten Berufsjahren wurde mir folgende Frage gestellt: Wie kann ich diese Person behandeln, heilen oder verändern? Nun würde ich die Frage folgendermaßen stellen: Wie kann ich eine Beziehung schaffen, die diese Person für ihr persönliches Wachstum nutzen kann?»

Carl Rogers

Für mich spielt bei dieser Beziehung die Haltung, ja, das Menschenbild der helfenden Person eine wichtige Rolle. Muss der Mensch repariert werden oder ist er schon ganz? Wie geht es mir, wer bin ich selbst und wer möchte ich sein? Es geht also nicht darum, ob Tools und Methoden schlecht oder nicht hilfreich wären. Es geht mir vielmehr darum, was die Grundlage bei der Arbeit mit Menschen ist.

Rogers schrieb einmal: «innerhalb weniger Jahre wurde der ganze Ansatz als Technik bekannt. […] Ich war über die Verzerrungen unseres Ansatzes so schockiert, dass ich jahrelang fast nichts mehr über empathisches Zuhören sagte, und wenn ich es tat, dann nur, um die empathische Einstellung zu betonen.»

So wäre es schön, wenn wir Dinge wie Empathie nicht «Ver-Tool-isieren» und Menschen in helfenden Berufen und führenden Tätigkeiten zumuten, sich intensiv(er) mit sich, ihrem Menschenbild und ihrer Haltung auseinanderzusetzen.


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