Stabilität in bewegten Zeiten – Warum wir lernen sollten, mit Instabilität zu leben.
Teil 2: Die Rolle als Vermittler und Begleiter
Die Vermittlungsrolle: Übersetzer zwischen Welten
Als Personal- und Organisationsentwickler befinden wir uns oft in einer besonderen Position: Wir sind Vermittler zwischen der «alten» und der «neuen» Welt. Diese Rolle braucht eine Art Diplomatie. Eine Rolle, die beide Seiten würdigt, ohne eine davon zu stark zu werten (auch wenn wir natürlich auch Teil des Wandels sind und diesen «nach vorne» begleiten).

Das Alte zu würdigen, bedeutet nicht, an alten (und nicht mehr zeitgemässen) Strukturen festzuhalten. Es bedeutet anzuerkennen, was funktioniert hat, welche Werte und Erfahrungen wertvoll bleiben, und zu verstehen, warum Menschen am Bestehenden festhalten. Oft stecken hinter dem vermeintlichen «Widerstand gegen das Neue» (berechtigte) Sorgen und wichtige Bedürfnisse.
«In meinen ersten Berufsjahren wurde mir folgende Frage gestellt: Wie kann ich diese Person behandeln, heilen oder verändern? Nun würde ich die Frage folgendermassen stellen: Wie kann ich eine Beziehung schaffen, die diese Person für ihr persönliches Wachstum nutzen kann?»
Carl R. Rogers
Gleichzeitig geht es darum, das Neue nicht als Bedrohung zu betrachten, sondern als Evolution, als eine (natürliche) Weiterentwicklung von dem, was bereits da ist. Diese Übersetzungsarbeit zwischen den Welten ist oft unsichtbar. Sie passiert in Gesprächen, in der Art, wie wir Fragen stellen, in der Sprache, die wir wählen, in unserer inneren und äusseren Haltung.
Die Kunst liegt darin, Brücken zu bauen, statt Gräben zu vertiefen (oder zu stark in die Gräben zu blicken).
Authentizität durch eigene Erfahrung: Aus Krisen Kompetenzen entwickeln
Es gibt einen Unterschied zwischen theoretischem Wissen über Veränderung und dem gelebten Verstehen von Unsicherheit. Wer selbst durch persönliche und berufliche Stürme gegangen ist, wer an Krisen gewachsen und durch Unsicherheiten hindurchgegangen ist, bringt aus meiner Sicht eine andere Qualität in die Begleitung von Menschen und Organisationen mit.
Diese Erfahrungen sind nicht nur Abschnitte in der Biografie. Sie werden zu (beruflichen und persönlichen) Kompetenzen. Sie ermöglichen ein tieferes Verständnis für die Prozesse, die Menschen in Veränderungen durchleben. Sie schaffen Authentizität, die spürbar ist und Vertrauen aufbaut.
Wenn wir aus eigener Erfahrung wissen, dass man Krisen nicht nur überlebt, sondern tatsächlich daran wachsen kann, können wir das mit einer Glaubwürdigkeit teilen, die wohl mehr ist, als eine fachliche Meinung. Menschen spüren, ob jemand nur Konzepte kennt oder wirklich verstanden hat, was es bedeutet, wenn der Boden unter den Füssen wackelt (oder wegbricht).
Dabei geht es nicht darum, alles von sich zu teilen, sondern sich dort zu zeigen, wo es stimmig ist und die eigene Erfahrung anderen helfen könnte, ihren Weg zu finden. Ganz wichtig ist hier jedoch, die eigene Erfahrung nicht zu der der anderen zu machen. Trotz aller Erfahrung und Ähnlichkeiten dieser Prozesse ist jedes Empfinden individuell.
Kleine Schritte, grosse Wirkung: Das Herunterbrechen in Mach- und Sichtbares
Grosse Visionen und Pläne sind wichtig, sie geben Richtung und Sinn. Aber sie können auch überfordern. Durch das Zerlegen in kleine Schritte, sicht- und spürbare (positive) Veränderungen bauen wir eine Brücke zwischen dem Zielbild und der Gegenwart.
Dieses Herunterbrechen ist keine Kleinmacherei, sondern Respekt vor der menschlichen Art zu lernen und zu wachsen. Menschen brauchen Erfolgserlebnisse, wir brauchen das Gefühl, vorwärtszukommen, auch wenn der Weg noch lang ist.
Ich denke da an Beppo Strassenkehrer aus dem Buch Momo von Michael Ende:
«Siehst du, Momo», sagte er dann zum Beispiel, «es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Strasse vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.»
Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: «Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz ausser Puste und kann nicht mehr. Und die Strasse liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.»
Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter:
«Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.»
Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte:
«Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.»
Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort:
«Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Strasse gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht ausser Puste.»
Er nickte vor sich hin und sagte abschliessend:
«Das ist wichtig.»
Kleine Schritte haben eine besondere Magie: Sie machen das Unmögliche möglich. Sie verwandeln «das schaffen wir nie» in «das könnte funktionieren». Sie ermöglichen es, auch in grossen Veränderungen handlungsfähig zu bleiben. Schlagworte wie Iteration oder Agilität passen hier ganz gut.
Gleichzeitig schaffen diese kleinen Schritte Lernmöglichkeiten. Mit jedem Schritt entstehen Erfahrungen, die für den nächsten Schritt genutzt werden können. So entwickelt sich Veränderung nicht linear nach Plan (und führen im schlimmsten Fall in die falsche Richtung), sondern adaptiv und intelligent.
Das Zielbild bleibt wichtig. Aber die Navigation geschieht Schritt für Schritt, mit Blick auf das, was gerade möglich und sinnvoll ist. Mit dem Kompass orientieren wir uns immer wieder neu.
Die eigene Stabilität: Anker in bewegten Gewässern
Wer andere durch Veränderungen begleitet, braucht selbst Halt. Selbstfürsorge und Selbst(er)kenntnis sind dabei wichtige Stützen. Es ist wie bei Blaulichtorganisationen – zuerst kommt die Eigensicherung oder im Flugzeug (zuerst sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen, bevor den anderen).
Diese eigenen Anker zu kennen und zu pflegen ist (eigentlich) keine Option, sondern Pflicht. Was gibt mir Halt, wenn um mich herum alles wankt? Wo finde ich Ruhe, wenn alle anderen aufgeregt sind? Welche Praktiken, Menschen oder Orte helfen mir? Wobei natürlich die Organisationsstrukturen genauso gut sein müssen, damit es dafür überhaupt den Rahmen gibt.
Die eigene Stabilität entsteht nicht durch das Vermeiden von Unsicherheit. Sie entwickelt sich aus dem Umgang damit. Sie wächst durch Reflexion, durch das Verstehen der eigenen Muster und Reaktionen. Sie wird gefördert durch Beziehungen, durch Sinnhaftigkeit und durch Momente der Stille. Auch hier gilt: Wer anderen hilft oder begleitet, sollte sich selbst auch immer wieder begleiten lassen.
Als Personal- und Organisationsentwickler sind wir oft die ruhenden Pole (oder nehmen zumindest diese Rolle ein) in bewegten Systemen. Diese Rolle können wir nur authentisch ausfüllen, wenn wir selbst gelernt haben, in der Bewegung immer wieder die Balance zu halten.
Dabei geht es ganz sicher nicht um Perfektion. Es ist die Bereitschaft, kontinuierlich an der eigenen Fähigkeit zu arbeiten, mit Unsicherheit, Spannungen und Konflikten umzugehen. Es ist die Erkenntnis, dass wir nur das weitergeben können, was wir selbst kultiviert haben und immer weiter kultivieren.
Titelbild: Loic Leray, Unsplash
Ben Zaugg